Eine Lochscherbe aus der Bronzezeit

Speisegefäß aus der Bronzezeit? – Ein seltsamer Fund an der K30-Baustelle

von Peter Wellbrock

Nachfolgend die Abbildungen einer ungewöhnlichen Scherbe. Es handelt sich dabei um ein Relikt aus der späten Bronzezeit, die in Mitteleuropa etwa dem Zeitraum von 1300 – 800 v.Chr. entspricht. Gefunden wurde sie auf einem Straßenabschnitt der künftigen K30, zwischen Agathenburg und der Harsefelder Landstraße, im superheißen Sommer 2010.

Lochscherbe Vorderansicht

Lochscherbe Seitenansicht

Lochscherbe Rückansicht

Die Hitzewochen wurden von den Ärchäologen und ihren Helfern unter Leitung von Frau Andrea Finck mit Zähigkeit und großen Durst ertragen. Der glazial geprägte Boden war steinhart und nur mit der Spitzhacke bearbeitbar. Bei einer späteren Nachlese durch uns Hobby-Archäologen im Augeust konnten noch weitere Scherben im Erdaushub als Lesefunde geborgen werden, freigespült vom mittlerweile reichlich gefallenen Regen. Darunter befand sich eine unscheinbare Scherbe. Es war kein  Randstück, vielmehr hatte es an allen Seiten Bruchkanten. Aber bei genauerer Betrachtung nahmen wir eine markante Besonderheit war. Eine sehr regelmässige, fast halbkreisförmige Auskerbung und in etwas mehr als 1 cm Entfernung, Schabspuren, die sich in regelmässigen Abständen um die Auskerbung zogen. Was hatte dies auf sich? Wie ist dieser Fund zu interpretieren?

Mögliche Verwendung

Hier meine Intepretation:
Bei der Scherbe könnte es sich um das Fragment eines Ösenloches in einem Gefäß handeln, um es beispielsweise an einem Riemen tragen zu können. Ihre mögliche Lage ist in der Zeichnung dargestellt. Sie sollen in der gezeichneten Topfwandung veranschaulichen, wie die einstige Konstruktion eines beweglichen Henkels gewesen sein könnte. Mit dem halben Loch – Bruchstelle der Scherbe – ergibt sich der exakte Mittelpunkt für den imaginären Tragegriff. Halbkreisförmige Schleifspuren um das Loch in der Topfscherbe lassen solchen beweglichen Henkel vermuten. Mit dem Zirkel können wir die äußeren und inneren Schleifspuren in der Topfwandung punktgenau ergänzen. Es fällt auf, dass die äußere kreisrunde Schleifspur größer ist als die im Topfinnern auf der Scherbe. Außerdem weist die äußere Schleifspur 2 Ringe auf, einen größeren mit 15 mm Abstand zum Kreismittelpunkt, dem Henkelloch, und einen kleineren mit 11 mm. Auf der Scherbenrückseite beträgt der Abstand der einzigen Schleifspur zur Henkel-Öse ebenfalls 11 mm. Der Unterschied war vielleicht bedingt durch die variable Größe der Splinte bzw. der „Unterlegscheiben“ zum Arretieren des Henkels. Es ist nicht klar, aus welchem Material der Henkel und eventuelle Splinte bestanden. Warum so etwas überhaupt notwendig war, ist aus heutiger Sicht kaum erklärlich. Wir würden einfach ein Trageband, vielleicht aus Leder, Pflanzenfasern oder Tiersehnen, durch die Ösen ziehen, außen verknoten, vielleicht auch doppelt, um ein Durchrutschen des Bandes auszuschließen.

 War die Konstruktion der Bronzezeit „hygienischer“ oder einfach schöner, als ein einfaches Verknoten des Tragebandes am Essensgefäß? Der Durchmesser des Loches, durch das vermutlich das Trageband gezogen war, beträgt 5-6 mm. Die konzentrischen Riefen haben als Mittelpunkt diese Öse. Die Lochkanten sind infolge mechanischer Abnutzung konisch gerundet. Die Ösen wurden sicher erst nach Fertigstellung des Topfes eingebracht. Vielleicht stand kein Kochgefäß mit normal angesetzten Tonhenkeln zur Verfügung, so dass ein Notbehelf „gebastelt“ wurde. Wie Henkel oder Trageband beschaffen waren, ist unklar. Wie die kreisrunden Riefen in der Topfwand entstanden sind, kann man durch die Pendelbewegung beim Tragen des Topfes erklären. Innen und außen am Topfrand müssen am Trageband Vorrichtungen, wie Lochscheiben (aus Knochen, Horn oder Holz) oder Splinte, eventuell gekröpfte Bronzenadelnadeln oder eine Art Doppelknöpfe angebracht worden sein, die ein Verrutschen des Henkels verhinderten. Diese Abdicht-Vorrichtungen waren innen und außen unterschiedlich groß, so dass sie in unterschiedlichen Höhen die Riefen in die Topfwand scheuerten. Die innere Riefe ist breiter und tiefer ausgeprägt, auch ungenauer. Keinesfalls können sie absichtlich entstanden sein. Bei starker Vergrößerung der Scherbe erkennt man, dass das ursprünglich runde Loch durch den Gebrauch des Henkels nach oben hin eine ovale Form angenommen haben muss. So findet die Entstehung einer zweiten Schleifspur in dieselbe Richtung möglicherweise ihre Erklärung. Dazu passt auch die Verbreiterung der inneren Riefe. Die ovale Ausformung des Henkelloches lässt an einen Henkel aus Bronze denken. Nur Metall könnte solche Erosion der harten Keramikwand bewirken. Für die Verwendung des Topfes zur sauberen Lebensmittelzubereitung und den Essenstransport spricht die sorgsame Verarbeitung des fein gemagerten Tons. Aus der glatten Wandung treten keine Quarzkörner hervor, die das Essen hätten verunreinigen können. Die Scherbe ist von grau-brauner Färbung.

Der Topf, wegen eines Henkels vermutlich mit steilem Rand, konnte mit der ebenen Oberfläche gut gereinigt werden. Aus gleichen Gründen ergibt sich auch die Sorgfalt, mit der der Tragegriff am Topf montiert wurde. Der Topf in der Zeichnung hat einen angenommenen Mündungs-Durchmesser von 12 cm. Entsprechend der geringen, aber berechenbaren Wölbung der Scherbe in Höhe und Breite könnte das Gefäß um ein Drittel größer gewesen sein, vielleicht bis zu 18 cm Durchmesser, mehr wohl nicht, denn die Wandstärke (ca. 7 mm) der Scherbe war im allgemeinen durch die Topfgröße bedingt. . Selbstverständlich lässt sich das alles nur mutmaßen, es könnte nach unserem heutigen logischen Verständnis so gewesen sein. Dass die damaligen Menschen schon Wert auf eine reinliche Essenszubereitung legten und dafür auch extra sorgfältig hergestelltes Kochgeschirr verwendeten, wollen wir ihnen gern unterstellen. Ideenreichtum gab es zu allen Zeiten, wenn es galt, sich mit den jeweiligen Mitteln das Leben besser zu gestalten.

Diese Sicht auf die „Alltagssorgen“, der Versuch, sich neue Techniken zunutze zu machen, schafft ein sympathisches Band zu den damaligen Bewohnern der Geest vor 3000 Jahren. Unsere Scherbe ist ein zufälliger Oberflächenfund auf einem recht ergiebigen Fundplatz bronzezeitlicher Keramik.

 

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